Die Dreiviertel-Hose

Ich sitze an meiner Nähmaschine. Bei der nächsten Reparatur soll eine Hose gekürzt werden. Die Besucherin sitzt neben mir. Sie wartet schon etwas länger und strickt. Sie kommt öfter zu uns. Sie mag die Atmosphäre im Reparatur-Café. Sie ist schon etwas älter und immer hat sie sich etwas zum Stricken mitgebracht. Meistens sitzt sie etwas abseits, hört zu und schmunzelt. Manchmal sagt sie auch etwas. Sie gibt uns kleine Tipps oder erzählt dann von früher, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit welch großem Einfallsreichtum die Dinge in früheren Zeiten repariert wurden. Sie hat viele Ideen und mich begeistern ihre unaufdringliche, pragmatische Art und ihre sichtbare Freude an Improvisation. Sie sagt, vieles müsse man nicht wegschmeißen und könne man ruhig mal aufheben – zum Beispiel den Schaumstoff, der zum Schutz von Weintrauben in den meisten Obstkisten liegt. Sie erinnert mich sehr an meine Oma. Meine Oma hatte auch für alles eine Verwendung.

Sie hat die Hose, die gekürzt werden soll, bereits zu Hause abgesteckt. Ich finde das super, denn nun kann es direkt losgehen mit dem Nähen. Als ich mir die neue Wunschlänge der Hose genauer anschaue, stelle ich fest, dass die Hose danach schon ziemlich kurz sein wird. Und zu ihr gewandt bemerke ich anerkennend, dass auch ich Drei-Viertel-Hosen ganz toll und praktisch finde.

Die ältere Dame schaut mich amüsiert an, steht auf und stellt sich neben mich. Erst jetzt sehe ich, dass sie mir gerade mal bis zur Brust reicht. Mich beschleicht sofort das Gefühl, dass ich in ein Fettnäpfchen getreten bin, denn die Dame ist wirklich sehr klein. Wir schauen uns an und lachen.

Sie sagt, sie muss schon ihr Leben lang Hosen kürzen, damit sie ihr von der Länge her passen. Am Ende ist sie mit der neuen Hose sehr zufrieden und sagt, dass sie noch mehr Hosen zu Hause hat, die sie beim nächsten Mal gern mitbringen würde.
Und als ich nach Hause gehe, denke ich wieder an meine Oma – die war auch nur 1,60 m groß und musste aufgrund ihrer Größe auch alle Hosen kürzen.